Kunsthistorikerin katalogisiert Dormagens Kunstschätze

Es ist mit etwa 20 Grad angenehm kühl. In der Luft liegt ein Geruch, der an eine Bibliothek erinnert: der Geruch von Papier. Und davon gibt es hier unten, im Keller des neuen Rathauses, genug. Beim Betreten des Kunstlagers fällt der Blick zuerst auf Metallregale und hohe, sogenannte Planschränke. In schmalen Schubladen lagern mehrere tausend Bilder und Skizzen, die alle einzeln in Seidenpapier verpackt werden.

An verschiedenen Stellplätzen befinden sich zudem große Gemälde. Wie viele Kunstwerke und Kulturschätze Dormagen insgesamt besitzt, das findet Kunsthistorikerin Denise Trump gerade heraus. Seit mehr als vier Monaten säubert, katalogisiert und verpackt die wissenschaftliche Mitarbeiterin des Kulturamtes jedes einzelne Exponat. In einer Woche digitalisiert sie rund 80 bis 100 Werke.

„Die digitale Inventarisierung der städtischen Kunstwerke ist eine wichtige Aufgabe, die wir dank des Expertenwissens von Denise Trump jetzt umfassend angegangen sind“, betont Kulturdezernentin Tanja Gaspers.

Eine spannende Aufgabe ist es zudem: „Mithilfe der Bilder und Grafiken begebe ich mich auf eine Art Zeitreise durch die künstlerische Vergangenheit der Stadt“, sagt Trump. „Mein Ziel ist es, das künstlerische Gedächtnis der Stadt zu strukturieren und so die Grundlage für eine künftige Handhabung sowie einen angemessenen Schutz der Arbeiten zu schaffen.“ Um das in Zukunft verwirklichen zu können, muss erst der Bestand gesichtet werden.

Die 31-Jährige trägt weiße Baumwollhandschuhe, während sie die Werke mit einem Pinsel entstaubt. Beim Katalogisieren gibt sie den Künstler, die Maße, den Zustand, einen Schätzwert und eine Beschreibung des Bildes in die Datenbank ein. Anschließend werden die Kunstwerke fotografiert, verschlagwortet und mit einer Inventarnummer versehen. Grafiken legt Trump vorsichtig und von Seidenpapier getrennt übereinander. In einigen Schubladen lagern bis zu 100 Stück.

Der Großteil der Skizzen und Zeichnungen stammt aus dem Nachlass von Theodor Blum. Der Kölner Künstler war unter anderem Kriegsmaler und hat beide Weltkriege an der Front miterlebt. Blum war er ein begnadeter Landschaftsmaler. Rund 3.000 Grafiken von ihm lagern heute in der Kunstsammlung der Stadt Dormagen. „Bereits zu Lebzeiten zog es Blum immer wieder nach Zons“, sagt Trump. Deshalb verfügte er in seinem Testament, dass die damals noch eigenständige Stadt sein Lebenswerk erhalten sollte. 1968 starb der Künstler in Köln.

„Es ist ein sehr spannender Nachlass. Er umfasst nicht nur die fertigen Bilder, sondern auch zahlreiche Probedrucke sowie zweite, dritte oder auch vierte Fassungen, teils mit Anmerkungen des Künstlers“, berichtet die Kunsthistorikerin. „Das ist sehr selten und gewährt einen hochinteressanten Einblick, wie Theo Blum als Künstler gearbeitet hat. Sein Schaffensprozess ist dadurch sehr schön zu erkennen.“

Neben Blum lagern noch etliche weitere Kulturschätze in dem Keller. „Die Sammlung ist sehr vielfältig“, sagt Trump, die bereits rund tausend Exponate digitalisiert hat. „Sie reicht von Werken von Menschen, die in Dormagen geboren wurden oder hier lebten bis hin zu Künstlern, die lediglich eine Ausstellung in unserer Stadt hatten“, berichtet die 31-Jährige.

Eines ihrer persönlichen Lieblingswerke ist ein Bild von Olga Domanova. Es stammt aus dem Jahr 1995, ist 30 x 40 Zentimeter groß und zeigt eine Wüstenlandschaft mit Kamel und Reiter. Im Hintergrund ragt ein riesiger Nagel aus dem Sand. „Das Bild gefällt mir besonders aufgrund der surrealen Formensprache, die gekonnt mit gängigen Sehgewohnheiten bricht“, sagt Trump.

Während der Sichtung der Exponate recherchiert die Kunsthistorikerin, was aus den Künstlern geworden ist. „Mich interessiert die Geschichte dahinter“, sagt Trump. „Domanova etwa hatte 1997 eine Ausstellung in Dormagen. Mittlerweile lebt sie in Japan und ist dort erfolgreich.“ Das begeisterte die Kulturmitarbeiterin sehr, denn sie ist selbst großer Japan-Fan. „Bei meiner nächsten Japan-Reise möchte ich mich auf Domanovas Spuren begeben. Ich finde, sie ist eine inspirierende Künstlerpersönlichkeit.“

Bis es so weit ist, sichtet Trump noch die übrigen verborgenen Schätze der Dormagener Kunstsammlung. Bis zum Winter hofft die 31-Jährige das Kunstlager weitestgehend inventarisiert zu haben. „Danach reise ich durch die Stadtteile und katalogisiere die Kunststücke in zahlreichen städtischen Gebäuden und die Kunst im öffentlichen Raum, wie etwa Skulpturen und Brunnen“, sagt sie. Sicherlich tauchen auch noch ganz andere interessante Geschichten und Biographien auf.

 

Hinweis:

In den nächsten Wochen stellt das Team des Kulturbüros in loser Reihenfolge seine Lieblingswerke aus der städtischen Kunstsammlung vor.

 

Hintergrund:

Die Kunstsammlung Dormagen besitzt mehrere tausend Exponate. Den Großteil bildet dabei das Konvolut aus dem Nachlass von Theodor Blum mit rund 3.000 Grafiken sowie einer Vielzahl an Ölgemälden und weiterem Zubehör wie Druckplatten und Glasplattennegativen. Darüber hinaus besticht die Sammlung aber auch durch Ankäufe aus den Kunstaustellungen der vergangenen Jahrzehnte, die in der Summe die Vielfalt des künstlerischen Schaffens in Dormagen abbilden. Ausgehend von den historischen Arbeiten Blums führt die Sammlung so über zeitgenössische Positionen in die Gegenwart.

Ein Künstler mit vielen Facetten

Serie "Mein Lieblingsbild": Daniela Cremer und "Feuer" von Holger Hagedorn

„Mein Lieblingsbild aus der städtischen Kunstsammlung ist das Bild „Feuer“ von Holger Hagedorn. Das Kunstwerk ist ein tolles Beispiel für die Vielfältigkeit, die dieser Künstler in seinen Arbeiten zum Ausdruck bringt. Hagedorn arbeitet nie nach Schema F, sondern schlägt immer wieder ein neues Kapitel auf. Ich schätze ihn nicht nur als ausgezeichneten Künstler, sondern auch als zuverlässigen und sehr hilfsbereiten Kunst-Experten.

Seit mehreren Jahren arbeite ich mit ihm zusammen. So haben wir als Kulturbüro nicht nur seine beeindruckende Kunstausstellung „Trilogie“ in der Glasgalerie ausgerichtet, sondern auch sein „Korpus Delikti“ in der Rathaus-Galerie ausgestellt. Dieses viel beachtete Mahnmal steht inzwischen an der Raststätte Nievenheim an der A 57. Er hält damit das Gedenken wach an das durch Brandstiftung gelegte Feuer im Jahr 2012, bei dem es einen Toten und 13 Verletzte gegeben hatte – und an alle, die im Straßenverkehr zu Schaden kamen.

Holger Hagedorn engagiert sich zudem seit vielen Jahren als ehrenamtlicher Juror und Mentor bei unseren Kunstausstellungen „D‘Art“ und „Junior D‘Art“. Sein Fachwissen ist für unsere Arbeit ungemein wichtig.“

Wenn zwei Männer diskutieren

Serie "Mein Lieblingsbild": Kulturbüroleiter Olaf Moll und „Die Klugscheißer“ von Siegfried Neuenhausen

„Der Klugscheißer ist wegen seines hochtrabenden, besserwisserischen Geschwafels bei Mitmenschen nicht gerade beliebt. Bei den beiden Gesellen, die aus dem Boden am Haupteingang des Dormagener Kulturhauses ragen, ist das komplett anders. Sie zählen für mich zu den originellsten Kunstwerken im öffentlichen Raum. Die beiden Bronze-Skulpturen sind beliebte Foto-Motive und so etwas, wie die Wahrzeichen des Kulturhauses an der Langemarkstraße.

An ihnen führt auch kaum ein Weg vorbei. Auch meiner nicht, wenn ich an meinen Arbeitsplatz im Kulturbüro möchte. „Die Klugscheißer“, wie der Künstler Siegfried Neuenhausen das Pärchen genannt hat, sind seit ihrer Installation 1992 überall präsent. Neuenhausen, 1931 in Dormagen geboren, gehört zu den renommiertesten Bildhauern, Malern, Grafikern sowie Plastikern des Realismus. Der frühere Vorsitzende des Deutschen Künstlerbundes erhielt Gastprofessuren im texanischen San Antonio und indonesischen Bandung.“

Die Künstlerin als Nachbarin

Serie "Mein Lieblingsbild": Valerija Krivic und „Aus dem Rahmen gefallen“ von Jutta Kükenthal

„Jutta Kükenthal war viele Jahre lang meine Nachbarin in Hackenbroich und ich wusste gar nicht, dass sie künstlerisch arbeitet – bis sie mir eines Tages ihr Atelier zeigte. Ich war fasziniert. Was mir besonders an ‚Kükis‘ Kunst gefällt: Sie malt mit viel Fantasie und einem guten Schuss Ironie. Mit ,Aus dem Rahmen gefallen‘ wird mir nie langweilig. Ich entdecke noch immer neue Details und Kniffe, die mich zum Nachdenken und Schmunzeln bringen. Natürlich hat man einen besonderen Zugang zum Werk, wenn man die Künstlerin persönlich kennt. Dass ich den Ort, an dem Jutta malt, kenne, finde ich wirklich spannend. Denn bei ganz vielen anderen Künstlern und ihren Werken frage ich mich oft, wie und vor allem wo die Kunst entsteht und welchen Einfluss das auf das Ergebnis hat. Gebürtig kommt Jutta Kükenthal aus Braunschweig, schon als Kind hat sie gern und sehr gut gezeichnet. Die Liebe zu einem Leverkusener hat sie schließlich ins Rheinland verschlagen. Ihr Mann Hans-Heinrich hat sie in ihrer künstlerischen Arbeit immer sehr unterstützt. Ich bin froh, eine so beeindruckende Künstlerpersönlichkeit zu kennen. Und freue mich, dass die Stadt das Bild in ihre Kunstsammlung aufgenommen hat.“

Rekonstruktion als Mahnung

Serie Mein Lieblingsbild": Ellen Schönen-Hütten, Leiterin des Fachbereichs Bildung, Kultur und Sport und einer Rekonstruktion der Schreiber-Fenster

„Seit ein paar Wochen hängt eine tolle Rekonstruktion der von Otto Andreas Schreiber gestalteten Fenster der alten BvA-Aula in meinem Büro. Gefertigt hat sie Dieter Frankenstein nach Fotovorlagen von Dieter Zettner. Ich schaue direkt darauf, wenn ich am Schreibtisch sitze und meinen Blick hebe. Die Rekonstruktion ist sehr hochwertig gearbeitet und toll gerahmt. Ich betrachte sie mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Mit einem lachenden, weil es schließlich gelungen ist, einen Teil der Fenster zu retten – auch und gerade dank des herausragenden Engagements von Dieter Frankenstein. Die geretteten Fenster hängen heute in der Glasgalerie des Kulturhauses: ein mehr als würdiger Platz, wie ich finde. Wir arbeiten gerade an einem Beleuchtungskonzept, das die Schreiber-Fenster noch besser in Szene setzen wird.

Das weinende Auge blickt auf die Rekonstruktion als Mahnung: Alle Fenster hätten gerettet werden können, wäre mehr Sensibilität im Umgang mit städtischer Kunst im öffentlichen Raum da gewesen. Wir arbeiten daran, dass uns als Stadt so etwas künftig nicht mehr passiert. Deshalb wird die Kunstsammlung der Stadt derzeit umfassend inventarisiert und digitalisiert. Das ist insofern versöhnlich, weil es zeigt, dass zwar Fehler passieren – sie uns aber anspornen, besser zu werden. In dieser gegenständlichen und eigentlich sehr konkreten Darstellung steckt für mich also eine ganze Menge Botschaft drin.“

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